Elf Stars ohne neuen Vertrag: Lamar Jackson pokert um 70 Millionen, C.J. Stroud lässt eine Frist verstreichen
Eine Woche vor dem Saisonstart gehen elf prominente Spieler ohne neuen Vertrag ins erste Spiel – die meisten davon absichtlich. Lamar Jackson könnte der erste Profi der NFL mit 70 Millionen Dollar im Jahr werden, wenn er noch ein Jahr wartet. Warum Warten zur Strategie geworden ist, was die Salary Cap von 301,2 Millionen damit zu tun hat, und wo der Franchise Tag als Gegenmittel stumpf bleibt.
Eine Woche vor dem Saisonstart gehen elf prominente Spieler ohne neuen Vertrag ins erste Spiel. Manche wollen es so. ESPN-Reporter Jeremy Fowler hat am 2. September in der Liga herumtelefoniert und den Stand zusammengetragen – wir ordnen ihn für den deutschsprachigen Raum ein und verlinken, was man dafür wissen muss.
Warum gerade jetzt so viel Geld fließt
Der Grund steht in einer einzigen Zahl. Die Salary Cap – die Obergrenze, die jedes Team für alle Gehälter zusammen ausgeben darf – liegt 2026 bei 301,2 Millionen Dollar je Team. Das sind 44,7 Prozent mehr als 2022, als sie noch bei 208,2 Millionen lag.
Zum Vergleich: In den vier Jahren davor, von 2018 bis 2022, war sie nur um 17,4 Prozent gestiegen. Die Gehälter explodieren also nicht, weil die Vereine den Verstand verloren haben – sondern weil schlicht viel mehr Geld im System ist.
Was dabei herauskommt, haben wir den Sommer über einzeln beschrieben: Devon Witherspoon bekam vier Jahre und 132 Millionen, Peter Skoronski wurde mit 25 Millionen im Jahr der bestbezahlte Guard der Liga, Bijan Robinson der teuerste Running Back. Genau diese Abschlüsse sind jetzt die Messlatte für alle, die noch verhandeln.
Die zwei Quarterbacks
Lamar Jackson (Baltimore Ravens)
Jackson verhandelt ohne Berater – er vertritt sich selbst. Schon 2023 hat er damit einen Fünfjahresvertrag über 260 Millionen herausgeholt, nachdem er sich geduldet und zwischenzeitlich einen Wechsel gefordert hatte.
Seine Ausgangslage ist außergewöhnlich stark. Er bekommt in jeder der nächsten beiden Saisons 52 Millionen Dollar bar auf die Hand, und sein Vertrag enthält zwei Klauseln, die den Verein binden: Baltimore darf ihn nicht mit dem Franchise Tag festhalten, und ohne seine Zustimmung auch nicht abgeben.
Nach Fowlers Einschätzung könnte Jackson die Saison bewusst ohne neuen Vertrag spielen und im nächsten Frühjahr abkassieren – wenn die Quarterbacks des Jahrgangs 2024 verlängerungsberechtigt werden und den Markt weiter nach oben ziehen. Dann wäre er womöglich der erste Spieler der NFL mit 70 Millionen Dollar im Jahr.
C.J. Stroud (Houston Texans)
Bei Stroud hat der Verein die Geduld verloren – oder zumindest eine Frist gesetzt. General Manager Nick Caserio sagte am Dienstag öffentlich: Wenn es vor dem Saisonstart nicht klappt, werde man sich in der Nebensaison darum kümmern.
Houston sieht ihn nach Fowlers Bericht unter den zwölf Quarterbacks im „50-Millionen-Klub". Stroud kann warten und darauf setzen, dass der Markt in sechs bis acht Monaten höher steht. Das ist eine Wette in beide Richtungen: Er kann sich mit einer starken Saison teurer machen – und mit einer schwachen billiger.
Der Stau auf der Cornerback-Position
Hier liegt das eigentliche Muster des Jahres, und es ist ein Zahlenproblem. Fünf Cornerbacks verdienen 30 Millionen im Jahr oder mehr. Danach fällt der Markt auf 25 Millionen ab – dort liegt Jaycee Horn aus Carolina. Dazwischen ist nichts. Wer verhandelt, muss sich also entscheiden, zu welcher Gruppe er gehören will, und der Verein muss mitgehen.
Christian Gonzalez (New England Patriots) gilt unter Führungskräften, Trainern und Scouts als drittbester Cornerback der Liga. Vereinseigentümer Robert Kraft hat zu Beginn des Trainingslagers öffentlich erzählt, man habe ihm angeboten, ihn zum bestbezahlten Cornerback der Geschichte zu machen. Trotzdem sind die Seiten laut Fowler in mehreren Punkten weit auseinander. Gonzalez will während der Saison nicht verhandeln.
Joey Porter Jr. (Pittsburgh Steelers) ist der komplizierteste Fall. Der 26-Jährige blieb wochenlang dem Training fern und kehrte erst am Dienstag zurück. Dass Pittsburgh wochenlang kein förmliches Angebot vorlegte, hat er offenbar als Ansage verstanden. Erschwerend: Der Franchise Tag für Cornerbacks liegt 2027 bei unter Marktwert liegenden 23 Millionen – und die Steelers verhandeln während der Saison grundsätzlich nicht.
DJ Turner II (Cincinnati Bengals) wird seinen Rookie-Vertrag nach Fowlers Einschätzung zu Ende spielen. Cincinnati könnte danach zum Franchise Tag greifen – so wie 2022 bei Jessie Bates III, der ein Jahr auf dem Tag spielte und dann in der Free Agency zu Atlanta wechselte.
Quenton Nelson: der Guard, der über dem Markt liegen müsste
Nelson von den Indianapolis Colts ist 30 und spielt weiter auf hohem Niveau. Er wollte vor dem Trainingslager unterschreiben – daraus wurde nichts, die Gespräche stocken.
Das Problem ist die Höhe. Um ihn zu halten, müssten die Colts ihn zum bestbezahlten Innen-Offensivspieler der Liga machen, also über die 27 Millionen im Jahr hinaus, die Center Tyler Linderbaum bei den Raiders bekommt. Ein Franchise Tag würde Indianapolis 2027 zwischen 29 und 30 Millionen kosten. In dieser Saison stehen ihm 18 Millionen zu – es ist das letzte Jahr seines Vertrags.
Dass gerade kein anderer Guard vor einem Abschluss steht, ist für Nelson ein Vorteil: Er kann den Markt allein bestimmen.
Die Tight Ends: die am schlechtesten bezahlte Position
Unter den elf Hauptpositionen ist Tight End die schlechtestbezahlte. Der Bestwert liegt bei 19 Millionen im Jahr (Trey McBride, Arizona). Gleichzeitig wurden im April neun Tight Ends in den ersten drei Runden gedraftet, und viele Offensiven schicken zwei oder drei gleichzeitig aufs Feld. Der Markt hinkt der Wirklichkeit hinterher.
Tucker Kraft (Green Bay Packers) könnte ihn verschieben. Green Bay wirkt laut Fowler abschlusswillig, die Gespräche ruhen aber gerade. Ein Faktor ist sein Kreuzbandriss – Kraft hat trotzdem alles mitgemacht, was der Verein verlangt hat.
Sam LaPorta (Detroit Lions) ist der zweite Name. Bei ihm könnte ein Abschluss während der Saison am meisten Sinn ergeben.
Ein Name für später: Raiders-Tight-End Brock Bowers wird 2027 verlängerungsberechtigt und dürfte den Markt dann deutlich neu setzen.
Zwei Receiver und ein Verletzter
Michael Wilson hat bei Arizona seine erste 1.000-Yard-Saison hinter sich. Der Verein hat es versucht, doch der wahrscheinlichste Weg ist, dass er im letzten Jahr seines Rookie-Vertrags in die Saison geht – und danach ein gefragter Free Agent wird.
Parker Washington bei Jacksonville hat die besseren Chancen auf einen Abschluss. Die Jaguars verhandeln auch während der Saison, er selbst würde es lieber vermeiden. Gespräche laufen, ein Abschluss steht nicht unmittelbar bevor.
Brian Branch startet die Saison auf der Reserve/PUP-Liste – Folge eines Achillessehnenrisses aus dem Vorjahr. Was das für seine Rückkehr bedeutet und wie sich die Liste von der Injured Reserve unterscheidet, steht in unserer Übersicht der NFL-Kaderlisten. Gesund gilt er als einer der fünf besten Safeties der Liga.
Was daraus folgt
Drei Dinge sind an dieser Liste bemerkenswert.
Erstens: Warten ist eine Strategie geworden. Bei einem Markt, der in vier Jahren um 44,7 Prozent gewachsen ist, verliert ein Spieler selten Geld, wenn er ein Jahr zuwartet – solange er gesund bleibt und liefert. Genau darauf setzen Jackson und Stroud.
Zweitens: Der Franchise Tag ist das Gegenmittel der Vereine – aber ein stumpfes. Bei Cornerbacks liegt er 2027 bei 23 Millionen und damit deutlich unter dem, was Spitzenleute verdienen. Für die Vereine ist das billig, für die Spieler ein Ärgernis. Deshalb steht er in so vielen dieser Fälle im Raum.
Drittens, und das ist die Einschränkung: Fast alles hier beruht auf Einschätzungen von Leuten, die anonym bleiben. Belegt sind die Zahlen – die Salary Cap, die bestehenden Verträge, das öffentliche Zitat von Nick Caserio. Ob ein Abschluss kommt oder nicht, ist eine Prognose, keine Tatsache. Wir schreiben nach, sobald etwas unterschrieben ist.