Waiver in der NFL: Warum ein entlassener Spieler nicht sofort frei ist
Wird ein NFL-Spieler mit weniger als vier angerechneten Profijahren entlassen, ist er nicht sofort frei. Er landet auf der Waiver-Liste, wo alle 32 Vereine der Reihe nach zugreifen dürfen – der schlechteste Verein zuerst. Wer vier Jahre oder mehr hat, wird sofort freier Agent.
Am Ende der Vorbereitung muss jeder NFL-Verein seinen Kader auf 53 Spieler kürzen. Dabei werden an einem einzigen Tag rund tausend Spieler entlassen. Wer jetzt denkt, die seien anschließend alle frei und könnten unterschreiben, wo sie wollen, liegt bei den meisten von ihnen falsch. Zwischen der Entlassung und der Freiheit steht ein Zwischenschritt, den kaum jemand erklärt: die Waiver-Liste. Sie ist der Grund, warum Vereine kurz vor dem Kaderschnitt manchmal einen Draft-Pick für einen Spieler ausgeben, den es kurz darauf scheinbar umsonst gäbe.
Wer landet auf der Waiver-Liste – und wer nicht?
Entscheidend ist eine einzige Zahl: die Anzahl der angerechneten Profijahre (im Englischen accrued seasons).
- Weniger als vier Jahre: Der Spieler geht auf Waiver. Er ist erst frei, wenn niemand zugegriffen hat.
- Vier Jahre oder mehr: Der Spieler ist ein sogenannter Vested Veteran und wird mit der Entlassung sofort freier Agent. Er sucht sich seinen nächsten Verein selbst aus.
Das ist keine Formalie, sondern ein echter Machtunterschied. Der junge Spieler wird verteilt. Der erfahrene entscheidet selbst.
- Accrued Season
- Eine angerechnete Profisaison. Sie zählt, wenn ein Spieler in einer Saison mindestens sechs Spiele lang zum Aufgebot gehörte.
- Vested Veteran
- Ein Spieler mit vier oder mehr angerechneten Saisons. Er umgeht die Waiver-Liste und wird sofort freier Agent.
- Claim
- Der Zugriff. Ein Verein meldet der Liga, dass er den Spieler haben will – samt laufendem Vertrag.
- Clear Waivers
- Die Liste ohne Zugriff durchlaufen. Erst danach ist der Spieler wirklich frei und darf selbst wählen – auch den Verein, der ihn gerade entlassen hat.
Die Reihenfolge: der schlechteste Verein zuerst
Wollen mehrere Vereine denselben Spieler, gewinnt der, der in der Reihenfolge weiter vorne steht. Und diese Reihenfolge ist bewusst ungerecht – zugunsten der Schwachen. Sie ist die umgekehrte Tabelle: Wer am schlechtesten abgeschnitten hat, greift zuerst zu. Dahinter steckt derselbe Gedanke wie beim Draft: Die Liga will das Gefälle zwischen den Vereinen klein halten.
| Zeitpunkt | Maßgebliche Reihenfolge |
|---|---|
| Vorbereitung und Spielwochen 1 bis 3Also auch am großen Kaderschnitt-Wochenende. | Abschlusstabelle der VERGANGENEN Saison |
| Ab Spielwoche 4Wird wöchentlich neu berechnet. | Tabelle der LAUFENDEN Saison |
| Nach dem SaisonendeBis zur Woche 4 des Folgejahres. | Abschlusstabelle der gerade beendeten Saison |
Was passiert, wenn jemand zugreift?
Der zugreifende Verein übernimmt den laufenden Vertrag mitsamt Gehalt. Er kann sich also nicht die Rosinen herauspicken. Genau deshalb bleiben teure Spieler häufig unbeansprucht und günstige junge Spieler selten – der Zugriff ist eine Entscheidung über Geld und Kaderplatz zugleich.
Und wenn niemand zugreift?
Dann ist der Spieler freier Agent und darf unterschreiben, wo er will – ausdrücklich auch wieder bei dem Verein, der ihn gerade entlassen hat. Genau das ist der Normalfall nach dem Kaderschnitt: Ein großer Teil der Entlassenen kehrt binnen zwei Tagen in den Übungskader desselben Vereins zurück.
Ein Beispiel aus der Praxis: Corey Kiner, August 2026
Am 29. August 2026 gaben die Arizona Cardinals Running Back Corey Kiner an die New England Patriots ab – für einen Siebtrundenpick des Drafts 2028. Auf den ersten Blick unnötig: Arizona hätte ihn ohnehin entlassen müssen, dann wäre er auf Waiver gelandet und New England hätte es umsonst versuchen können.
Nur: New England stand in der Waiver-Reihenfolge 2026 auf Platz 31. Es hätten also 30 Vereine vorher zugreifen dürfen. Der späte Draft-Pick war der Preis dafür, nicht würfeln zu müssen – und für Arizona immer noch besser als eine Entlassung, bei der man gar nichts bekommt.
Ein später Draft-Pick ist oft nichts anderes als der Preis dafür, nicht würfeln zu müssen.
Nach der Trade Deadline gilt die Regel für alle
Sobald die Trade Deadline vorbei ist, entfällt die Ausnahme für erfahrene Spieler: Bis zum Saisonende geht dann jeder entlassene Spieler auf Waiver – auch der Vested Veteran. So soll verhindert werden, dass ein Verein im Titelrennen sich in der Schlussphase gezielt bei einem chancenlosen Verein bedient.
Kurz zum Mitnehmen
- Weniger als vier angerechnete Profijahre: Der entlassene Spieler geht auf Waiver, nicht in die Freiheit.
- Vier Jahre oder mehr: sofort freier Agent – bis zur Trade Deadline, danach gilt Waiver für alle.
- Die Reihenfolge ist die umgekehrte Tabelle. Bis Woche 3 zählt die Vorsaison, ab Woche 4 die laufende.
- Wer zugreift, übernimmt den kompletten Vertrag mitsamt Gehalt.
- Greift niemand zu, ist der Spieler frei – und landet oft im Übungskader seines alten Vereins.
- Ein Tausch kurz vor dem Kaderschnitt ist oft nur eins: die Umgehung der Warteschlange.